0272               Freitag         12. September 2003,           19.00 Uhr

                       Thema         Preußischer Verwaltungsstaat und polnisches Nationalbewußtsein

                                           im Denken des preußischen Oberpräsidenten Theodor von Schön.

                                           (Lichtbildervortrag).

                  Referent      Dr. Stefan Hartmann, Berlin

             O r t           Bürgertreff im S-Bahnhof Berlin-Lichterfelde West

                                          Hans-Sachs-Str. 4 e           12205 Berlin

  Das Referat beleuchtet die Bedeutung der Idee des preußischen Verwaltungsstaates und des polnischen Nationalbewußtseins im politischen Denken Theodor von Schöns, der wie kaum ein Zweiter die Geschicke Ost- und Westpreußens vom Wiener Kongreß bis zu seinem Sturz im Jahre 1842 geprägt hat. Als langjähriger Oberpräsident der Provinz Preußen trat er kompromißlos für eine Repräsentativverfassung ein und war ein Anhänger der Lehre Adam Smiths, der in dem nicht durch Staatseingriffe gehemmten freien Wettbewerb den größten Nutzen für die Gesellschaft sah. Seine fortschrittlichen Ideen brachten Schön in Widerspruch zur Ideologie des preußischen Verwaltungsstaates, die von den administrativen Maßnahmen der Ministerialbürokratie bestimmt wurde. Behandelt wird die Frage, wie weit Schön als Liberaler oder Konservativer einzustufen ist, entsprach doch seine unnationale Auffassung ganz der Ideologie der Hochkonservativen, für die der Staat nicht nur früher, sondern auch mehr als die Nation war.

Diese Staatsidee wird nur verständlich, wenn man sie zu Schöns Erfahrungen in den national gemischten Provinzen Ost- und Westpreußen in Beziehung setzt. Zum Verständnis der für Schön zentralen polnischen Frage wird die Entwicklung des polnischen Nationalbewußtseins skizziert, das durch die enge Verflechtung von Adelsnation und Religion bestimmt war und sich im "Völkerfrühling" (gemeint sind vor allem die Jahre 1846 bis 1848) allmählich von der Adelsnation zur ständelosen, sprachlich bestimmten nationalen Gemeinschaft wandelte. Das Scheitern der Konzeption Schöns, durch eine von oben verordnete preußische Kulturpolitik die unteren Schichten für seine Staatsidee zu gewinnen, wird besonders darin deutlich, daß er dadurch gerade das Gegenteil von dem erreichte, was er eigentlich wollte, nämlich die Förderung des nationalen Bewußtseins des Polentums.

Am Beispiel Schöns zeigt sich, daß es keinen gemeinsamen Nenner zwischen einer Staatsidee, die Preußens Aufgabe in einer Machtpolitik nach außen und innerer liberaler Reformpolitik sah, und den romantischen und nationalen Bestrebungen, die im Bewußtsein des Polentums eine untrennbare Einheit bildeten, geben konnte.

 

Dr. phil. Stefan   H a r t m a n n , geb. 1943 in Kassel, Studium der Geschichte, Germanistik und Slawistik in Marburg, Göttingen und Wien; 1969 Promotion bei Professor Dr. Peter Scheibert, Marburg, mit dem Thema: Reval im Nordischen Krieg. Seit 1989 Archivdirektor am Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Schwerpunkte des Forschungsinteresses: Ost- und Westpreußen, Polen, baltische Länder. Mehrere Veröffentlichungen zum Thema Preußen und polnische Nationalbewegung. Mitglied des Vorstandes der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung.

                                                                                                                                             Dr.St.Ha.

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